Wie Ayurveda, hat auch der Yoga seinen Ursprung in den Veden, den ältesten Schriftzeugnissen der indischen Literatur. Archäologische Funde lassen sogar vermuten, dass sich der Yoga schon lange vor der Einwanderung der Arier auf den indischen Subkontinent, also auch lange vor der Entstehung der hinduistischen Religion, Indischer Yogiaus den Traditionen der Urbevölkerung Indiens entwickelt hat. Das Wissen über Yoga wurde von den alten, heiligen Männern bei ihrer Suche nach Selbsterkenntnis entdeckt und gelangte langsam aus den Einsiedeleien in die Städte.

Aber erst Patanjali, einer der großen, indischen Weisen, hat es vor rund 1.700 Jahren zu einem klassischen Text systematisiert: dem Yoga-Sutra. Er definierte Yoga als die Fähigkeit, unseren Geist auszurichten, ohne Ablenkung und ohne Störung. Das ist eine sehr universelle Formulierung. Yoga funktioniert also auch ohne einen religiösen Hintergrund. Die Vorstellung einer höheren Macht wird darin aber auch nicht zurückgewiesen.

Yoga, die Wissenschaft vom Menschen, ist ein ganzheitliches System und spricht Körper, Geist und Seele an. Yoga lehrt einen Weg, der aus acht Gliedern (ANGA) besteht. Dieser Weg befreit von Leiden und Schmerzen und führt schließlich zu Frieden und innerer Harmonie.

Die acht Glieder des Yoga sind:
Sanskrit-Text auf Palmblättern

YAMA Verhalten nach Außen
NIYAMA Verhalten nach Innen
ASANA Disziplin des Körpers
PRANAYAMA Kontrolle des Atems
PRATHYAHARA Abstraktion der Sinne
DHARANA Konzentration auf ein Objek
DHYANA Meditative Wechselwirkung mit dem Objekt
SAMADHI Wahre Konzentration, Aufgabe der Individualität

Die ersten fünf dieser Glieder werden externes Yoga oder Hatha Yoga genannt. Die letzten drei sind als internes oder Raja Yoga bekannt. Hatha Yoga muss man üben, Raja Yoga kann man nicht üben; man kann nur mithilfe von Hatha Yoga geeignete Bedingungen schaffen, damit die Zustände des Raja Yoga eintreten können. Die Konzentration auf ein inneres Bild, welches zur Unterstützung der geistigen Sammlung dient, führt schließlich in die Meditation.

Objekte der Meditation können reale Gegenstände sein, wie zum Beispiel ein Bild des Mondes oder eine Statue von Lord Shiva. Es kann aber auch ein abstrakter Begriff sein, wie zum Beispiel Freude oder Demut. Oder auch ein Mantra, wie der heilige Laut der hinduistischen Kultur, OM.

Hatha Yoga-Pradipika (mehr Info), 1. Kapitel, Vers 1: „Die Wissenschaft des Hatha Yoga leuchtet hell und glänzend und dient dem Suchenden, der die höchste Stufe des Raja Yoga erklimmen will, als Leiter.“ Dieser Vers wird allerdings oft auch so interpretiert, dass Hatha Yoga das gesamte Yoga-System darstellt und Raja Yoga nur als Synonym für die letzte Stufe „SAMADHI“ gedeutet wird.

Mit Yoga-Asanas kann jeder anfangen, egal ob jung oder alt, dick oder dünn, groß oder klein, krank oder gesund, behindert oder nicht. Das System ist so flexibel, dass jeder auf einem angepassten Niveau beginnen und von dort seine Fähigkeiten entwickeln kann.

Trotz der Bedeutung der Asanas ist Yoga keine Gymnastik, kein Sport. Yoga, als ganzheitliches System, ist vielmehr ein Lebensstil, der über die individuelle Ebene hinaus geht und die absolute Freiheit des Geistes von der Materie ermöglicht.

Meditierende junge Inderin

Im indischen Kulturkreis wird die Lebensspanne auf Erden in vier zeitliche Abschnitte eingeteilt:

1) Geburt und Kindheit bis zur Pubertät.

2) Schule und Berufsausbildung.

3) Heirat, Familie, Karriere, Hausbau.

4) Rente, Alter bis zum physischen Tod.

In dieser letzten Phase sind alle familiären und beruflichen Pflichten erfüllt, eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit ist erreicht, sei es durch eigenes Vermögen, durch die eigenen Kinder oder durch Schüler. Jetzt kann sich der Mensch ganz seiner spirituellen Entwicklung widmen. Durch gute Taten, durch Yoga und Meditation, auch mithilfe eines Gurus, kann er sein Karma verbessern. Vielleicht bis zur Vollkommenheit, das heißt, bis zur Befreiung von der Pflicht zur Wiedergeburt.

Hier schließt sich der Kreis. Ayurveda soll es ermöglichen, diesen letzten Lebensabschnitt zu erreichen und möglichst lange zu erhalten. So kann man im Idealfall den Kreislauf der Wiedergeburten durchbrechen und die Seele kann zu ihrem Ursprungsort, der Weltenseele Atman, zurückkehren.

Yoga und Autogenes Training

Menschen im vierten Lebensabschnitt haben wohl kein Problem mehr mit Überforderung und Stress im Beruf. Davon betroffen sind eher Jugendliche in der Ausbildung(2) und Berufstätige(3). Bei den Ersten ist es neben Überforderung typischerweise das Mobbing in der Schule und das Gefühl des „Nicht-Geliebt-Werdens“ in der Familie und im Freundeskreis. Bei den Berufstätigen führen Leistungsdruck, Terminvorgaben, Erfolgszwang und Zeitknappheit zu ungesundem Essverhalten und in der Folge häufig zu krankhaftem Übergewicht und anderen stressbedingten Krankheiten.

Sie können als Betroffener diese äußeren Umstände, die Stress verursachen, nur in sehr begrenztem Ausmaß persönlich beeinflussen. Was Sie aber machen können ist, Ihre Reaktion auf diese Stressfaktoren zu kontrollieren. Dafür will ich Ihnen hier einen Lösungsweg auf der Grundlage des Autogenen Trainings (AT) aufzeigen.

Im Vergleich zu Yoga ist die Methode des Autogenen Trainings eine noch junge Entspannungstechnik. Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Prof. Dr. J. H. Schultz entwickelt. 1932 hat er darüber seine große Monographie „Das Autogene Training, konzentrative Selbstentspannung: Versuch einer klinisch-praktischen Darstellung“ geschrieben. Durch das AT wird in einer Art Selbsthypnose eine tiefe Entspannung des ganzen Körpers über ein suggeriertes Schwere- und Wärmegefühl erzeugt. Dieser Zustand erinnert frappierend an das siebte Yoga-Glied „Dhyana“, wenn man als Meditationsobjekt den eigenen Körper nimmt. In dieser Phase der Meditation sind eine bewusste, geistige Aktivität und eine Kommunikation mit dem Meditationsobjekt möglich. Schultz nennt diesen Zustand „Zentrale Umschaltung“. Er ist in zweifacher Hinsicht besonders wertvoll:

1) Die tiefe Entspannung ermöglicht eine schnelle Regeneration des gestressten Körpers und eine Beruhigung des rastlosen Geistes. Viel schneller, als durch einen langen, normalen Schlaf.

2) In diesem Zustand der „Generalisierung“ öffnet sich gewissermaßen eine Tür zu unserem Unterbewusstsein. Durch die Wiederholung von „formelhaften Vorsätzen“, wie Schultz es nennt, wird das Unterbewusstsein konditioniert. Im Yoga würde man den gleichen Vorgang als „rezitieren von Mantras“ bezeichnen.

Kommt man in den normalen Wachzustand zurück, erinnert sich das Unterbewusstsein an diese Mantras und steuert unsere Handlungen entsprechend, ohne dass es unserem Geist bewusst wird.

Hier ein praktisches Beispiel im Zusammenhang mit dem Thema Übergewicht:

Bringen Sie sich in eine Körperhaltung, die eine weitestgehende Entspannung ermöglicht. Im Yoga wäre das z. B. der Lotossitz oder irgendeine andere Sitzposition, die eine aufrechte Wirbelsäule realisiert. Im AT sind auch andere Positionen erlaubt, z. B. im Sitzen die sogenannte „Kutscherposition“. Ich empfehle eine liegende Position, vielleicht mit einer Nackenrolle. Sie können diese Übung aber auch abends vor dem Einschlafen im Bett praktizieren.

1) Sagen Sie sich in Gedanken mehrmals folgenden Satz vor: „Ich bin ganz ruhig und vollkommen entspannt“. Wenn jetzt draußen ein Motorrad vorbei knattert, so hören Sie das zwar, das Geräusch dringt jedoch nicht in Ihren Geist vor. (Prathyahara: Abstraktion der Sinne).

2) Wiederholen Sie jetzt mehrmals den Satz: „Ich konzentriere mich ganz auf meinen Körper“. (Dharana: Konzentration auf ein Objekt).

3) Wiederholen Sie jetzt mehrmals den Satz: „Mein ganzer Körper ist schwer und warm“. Stellen Sie sich intensiv vor, wie alle Ihre Muskeln sich entspannen (Schwere) und Ihre Adern geweitet werden (Wärme). (Dhyana: Meditative Wechselwirkung mit dem Objekt). Diese Suggestion gelingt besonders gut während des Ausatmens oder in einer ungezwungenen Atemverhaltung nach dem Ausatmen.

Mit etwas Übung erreichen Sie diese „Zentrale Umschaltung“. In diesem Zustand können Sie jetzt durch das Wiederholen von „formelhaften Vorsätzen“ Ihr Unterbewusstsein konditionieren. Im Zusammenhang mit der Übergewichtsproblematik eignen sich folgende Mantras:

Allgemein:

„Ich bin gesund, attraktiv und voller Energie“!

Speziell:

„Ich fühle mich wohl, ohne Zucker, Fett und Alkohol“! Oder: „Zucker, Alkohol und Fett lass ich weg“!

Die verwendeten Mantras sollten kurz und prägnant sein. Es müssen keine literarischen „Perlen“ sein. Allerdings sollten sie möglichst positiv formuliert werden. Nicht gut wäre folgende Formulierung:“ Ich werde niemals mehr Fastfood essen“. Besser ist:“ Fastfood ist mir völlig gleichgültig“.

Den Mantras liegt die Methode „So tun als ob…“ zugrunde. Man tut so, als ob man bereits derjenige sei, der man zu sein wünscht. Immanuel Kant (1724-1804), ein deutscher Philosoph der Aufklärung, sagte:“ Äußere Nachahmung führt zu innerer Übereinstimmung“. Prentice Melford (1834-1891), ein US-amerikanischer Journalist, Philosoph und Schriftsteller formulierte es so: „Wenn dein Körper Mängel und Schwächen aufweist, blicke nicht länger auf diese, sondern auf das vollkommene geistige Urbild. Bejahe an jedem Morgen besseres Empfinden und Wohlergehen und träume davon bei Tage und Nacht so lange und beharrlich, bis der Traum Wirklichkeit ist“.

Beim AT handelt es sich um eine wissenschaftliche Methode, um eine Selbsthypnose, mit der die Kraft der Vorstellung auf den Körper übertragen werden kann. Mit dem AT haben Sie ein probates Werkzeug zur Hand um sicherzustellen, dass Sie auch dann, wenn Sie Ihr Wohlfühl-Gewicht erreicht haben, auf dem „rechten Weg“ bleiben.